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Sprache, Rezeption und Emotion: Konferenz „Language and Communication Aspects of Disinformation“

Juliane Stiller
vor 15 Stunden
3 Min. Lesezeit

Autorin: Dariia Orobchuk


Die Konferenz „Language and Communication Aspects of Disinformation“ in Bratislava, organisiert vom Ľ. Štúr Institute of Linguistics der Slowakischen Akademie der Wissenschaften, behandelte die sprachlichen, diskursiven und narrativen Mechanismen von Desinformation und stellte unter anderem die Ergebnisse des gleichnamigen Projektes “Language and Communication Aspects of Disinformation” vor. Im Mittelpunkt der Vorträge standen unter anderem Fear Speech, Verschwörungstheorien, Fake News, Desinformation in Social Media, linguistische Analyseverfahren sowie Interventionen gegen Desinformation.


Aus sprachwissenschaftlicher Perspektive wurde deutlich, wie wichtig es ist, diskursive, argumentative und pragmatische Muster zu untersuchen (Vorträge von Dominika Beneš Kováčová und Jiří Lukl). Einzelne sprachliche Merkmale, wie bestimmte Wörter, morphosyntaktische Strukturen oder Satztypen, reichen nicht aus, um Desinformation zuverlässig zu identifizieren. Gleichzeitig stellt auch Fact-Checking allein keine ausreichende Strategie dabei dar. Faktenprüfung sollte am besten durch die Analyse sprachlicher, argumentativer, diskursiver und emotionaler Mechanismen ergänzt werden, wie z.B. emotionale und angsterzeugende Sprache, argumentative und narrative Muster, Polarisierung und moralische Bewertung, selektive Quellenverwendung, die Konstruktion von Bedrohung und Gruppenzugehörigkeit.


Altstadt von Bratislava
Altstadt von Bratislava, Foto von Dariia Orobchuk

Die linguistischen Untersuchungen zeigten außerdem, dass menschlich produzierte Texte abhängig von Autor*in, Textsorten und redaktionellen Vorgaben eine erhebliche Variation aufweisen (Vortrag von Xinying Chen und Michaela Nogolová). Das macht es schwer, Desinformation allein anhand sprachlicher Merkmale zu erkennen. In der Diskussion wurde die Vermutung geäußert, dass sich KI-generierte und menschliche Texte künftig noch stärker angleichen werden. Menschen verwenden KI zunehmend bei der Textproduktion; zugleich beginnt KI, auch den menschlichen Sprachgebrauch zu beeinflussen. Für die Erkennung von Desinformation braucht es daher einen Mix aus Methoden, in dem linguistische Analysen mit der Betrachtung von Inhalt, Quelle und Verbreitungskontext zusammenspielen.


Desinformation als Fear Speech

Ein besonders anregender Ansatz bestand darin, Desinformation als eine Form von Fear Speech (Angstkommunikation) zu betrachten. Wie Tomáš Koblížek zeigte, muss eine solche Kommunikation nicht zwangsläufig explizite Beleidigungen oder eindeutig falsche Aussagen enthalten. Sie kann aber Gruppen oder gesellschaftliche Entwicklungen als Bedrohung darstellen und dadurch Angst, Unsicherheit oder Ablehnung erzeugen.


Verschwörungstheorien und Victimhood

Aus der Rezeptionsperspektive war insbesondere die Beobachtung von Pavol Hardoš relevant, dass Gemeinschaften, deren kollektive Identität stark durch Viktimisierungserfahrungen geprägt ist, möglicherweise besonders empfänglich für Verschwörungstheorien sind. Diese Überlegung lässt sich meines Erachtens auch auf Desinformation im Allgemeinen erweitern. Verschwörungsnarrative können an bestehende Erfahrungen von Benachteiligung, Bedrohung oder Kontrollverlust anknüpfen. Dadurch erscheinen sie für bestimmte Communities nicht unbedingt faktisch überzeugender, aber emotional und identitätsbezogen anschlussfähiger.


Nicht an das Wahre, sondern an das „Richtige“ glauben

Die Beiträge von Vladimíra Čavojová und Matej Lorko zu Interventionen gegen Desinformation zeigten, dass Studienteilnehmende Informationen genauer bewerteten, wenn sie eine Belohnung speziell für richtige Antworten erhielten. Dies deutet darauf hin, dass Menschen möglicherweise bereits über die Fähigkeit verfügen, zuverlässige Informationen von Desinformation zu unterscheiden, diese Fähigkeit jedoch nicht in jeder Situation mit derselben Aufmerksamkeit und Motivation einsetzen.


Linguistische und KI-gestützte Analyse

Enikő Németh zeigte, dass die Verbindung von Fact-Checking mit KI-gestützter linguistischer Analyse potenzielle Desinformation in mehr als 90 Prozent der untersuchten Fälle identifizieren kann, während menschliche Teilnehmende etwa 60 Prozent erreichten. Die entwickelte Anwendung konnte unter anderem emotional aufgeladene Sprache erkennen und z.B. „fear-inducing“ oder „highly emotional“ markieren. Auch Ervin Etaywe setzte KI zur Unterstützung der Diskursanalyse ein und diskutierte sie als potenziell hilfreiches Instrument bei der Identifizierung von Desinformation.


Sichtbare Forschungslücken

Die Konferenz machte zugleich einige Forschungslücken sichtbar. Mehrsprachigkeit, sprachspezifische Zielgruppenansprache sowie die Informationspraktiken von Migrant*innen und mehrsprachigen Communitys lagen weitgehend außerhalb des Forschungsfokus. Diese Lücken zeigen, wie wichtig es ist, Desinformation in mehrsprachigen Kontexten als komplexes, sozial situiertes Kommunikationsphänomen zu untersuchen.

Dem Organisationskomitee der Konferenz (Lucia Molnár Satinská, Estera Köverová, Jaroslava Rusinková, Roman Soóky, Slavomíra Stanková, Júlia Vrábľová und Barbora Kavečanská) gilt ein herzlicher Dank für das vielfältige interdisziplinäre Programm und den produktiven fachlichen Austausch.


Alle Abstracts der Konferenz stehen als PDF zur Verfügung: https://www.juls.savba.sk/attachments/disinfo(2f)program/LANCOD_Book_of_Abstracts-1.pdf



 
 
 

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