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Eindrücke von der Disinfo-Konferenz 2026 in Vilnius

Juliane Stiller
15. Okt.
3 Min. Lesezeit

Unsere Projektmitarbeiterinnen Violeta Trkulja, Juliane Stiller und Joachim Griesbaum waren in diesem Jahr auf der Disinfo-Konferenz in Vilnius. Die europäische Konferenz bringt Forschung, Zivilgesellschaft und Politik zusammen und befasst sich mit Desinformation sowie ihren rechtlichen und geopolitischen Folgen. Das vollständige Programm findet sich unter https://disinfo2026.mitto.app/programme .

Für unser Projekt DeMuKo, in dem wir untersuchen, wie Menschen in mehrsprachigen Kontexten in Deutschland mit Informationen und Desinformation umgehen, waren vier Aspekte besonders relevant. 



KI verändert Manipulation auf zwei Ebenen

Erstens im Einzelgespräch: Wer Chatbots oder KI-Companions nutzt, kann in einen sogenannten „epistemic cocoon” geraten (Flore, 2025). Das System greift Unsicherheiten auf, fragt nach und verstärkt sie dadurch, statt sie einzuordnen. So entsteht nach und nach eine geschlossene Informationsblase: Je mehr die Nutzenden preisgeben, desto stärker passen sich die Antworten an sie an und desto größer wird der Einfluss auf ihre Sichtweisen.

Zweitens in der Masse: KI erleichtert die Produktion von Desinformation in großem Umfang. Dadurch verschiebt sich das Verhältnis weiter: Manipulative Inhalte herzustellen und zu verbreiten wird billiger, sie zu prüfen und zu widerlegen bleibt aufwändig und teuer.

Für unser Projekt bedeutet das, dass Medienkompetenz auch das Verständnis für die Auswirkungen von KI auf die Informationsumwelt insgesamt und den eigenen Umgang mit KI-Tools umfassen muss, da sie zunehmend als Informationsquelle dienen. Dies ist besonders relevant, wenn sie in der eigenen Sprache leichter zugänglich sind als beispielsweise deutschsprachige Angebote.


Informationswüsten als Nährboden für Desinformation

Hier ging es um Räume, in denen verlässliche Informationen fehlen. Solche Leerräume können zwei Ursachen haben. Es gibt (noch) keine Information aus verlässlichen Quellen oder Information wird von Gatekeepern (z.B. auch staatlichen Stellen) bewusst zurückgehalten oder sogar unterdrückt. In beiden Fällen entsteht eine Lücke, die von Desinformation gefüllt werden kann.

Diese Perspektive deckt sich mit einer Arbeitsannahme in DeMuKo: Wer beispielsweise in der ersten Zeit nach der Ankunft in Deutschland nur eingeschränkten Zugang zum deutschsprachigen Informationsraum hat, kennt vertrauenswürdige Quellen oft noch nicht und hat weniger Möglichkeiten, Informationen zu überprüfen. Solche Lücken können die Anfälligkeit für Desinformation erhöhen.


Diaspora im Fokus von Kampagnen

Ein Aspekt, der auf der Konferenz nur am Rande vorkam, ist für uns jedoch besonders interessant: In einem Vortrag wurde kurz erwähnt, dass Desinformationskampagnen auch auf Diaspora-Gemeinschaften zielen, etwa um Zustimmung zur Regierungspolitik im Herkunftsland aufrechtzuerhalten oder um Einstellungen und Handeln im Aufnahmeland zu beeinflussen. Zielgruppen solcher Kampagnen können z.B. auch Menschen höheren Alters sein, denen etwa Geräte, die den Empfang (verbotener) TV-Sender ermöglichen, die Desinformation verbreiten, zugänglich gemacht werden. 


Wenn kritisches Denken zur Verteidigung wird

In einer Diskussion ging es um die Wirksamkeit von Medienkompetenztrainings und die Frage, wie sie an neue Herausforderungen wie KI-Chatbots angepasst werden müssen. Medienkompetenz kann ins Gegenteil umschlagen. Wer sich stark mit einem Narrativ identifiziert, nutzt die erlernten Fähigkeiten wie Quellen hinterfragen, Gegenbelege suchen usw. oft, um die eigene Überzeugung zu verteidigen. Klassische Trainings erreichen diese Menschen kaum. 

Für DeMuKo ist das eine zentrale Frage, denn wir entwickeln Angebote für Lernende und Lehrende in der Erwachsenenbildung. Wie Medienkompetenz vermittelt werden kann, ohne dass sie zur Abwehr wird, ist eine Frage, die wir aus Vilnius mitnehmen.


Zusammenfassend lassen sich für DeMuKo folgende Aspekte festhalten:

Die Konferenz hat uns gezeigt, dass Lernkonzepte, die sich allein auf „kritisches Denken“ stützen, oft nicht die gewünschte Wirkung erzielen. Fähigkeiten, die dem „kritisches Denken“ zugeordnet werden, werden oft genutzt, um eigene Überzeugungen zu verteidigen. So werden etwa Aussagen, die der eigenen Überzeugung widersprechen, streng geprüft, während Aussagen, die dem eigenen Weltbild entsprechen, intuitiv als wahr eingeschätzt werden. Das ist der bekannte Bestätigungsfehler. Für Lernkonzepte bedeutet das, dass konkrete Methoden zum Überprüfen von Informationen vermittelt werden sollten. Ein Ansatz, der Erfolg verspricht, ist es, Vertrauenspersonen in den Sprachgemeinschaften zu stärken. Diese genießen mehr Glaubwürdigkeit als reine Faktenchecks und können so besser gegen Desinformation wirken.

Zudem ist es bedeutsam, die sogenannte „Senderseite“ möglichst genau und umfassend zu analysieren. Das bedeutet, alle genutzten Kanäle in jeder Sprachgemeinschaft zu erfassen, von Social Media über IPTV, Radio, Messenger bis hin zu KI-Chatbots. Kurz gesagt: Statt nur auf die Empfänger von Desinformation zu setzen, sollte man auch die Verbreitungswege und -kanäle in den Blick nehmen und dabei besonders auf die Bedürfnisse der Sprachgemeinschaften eingehen.


Literatur:

Flore, Massimo, Synthetic Friends: AI Companions and the Future of Disinformation (December 14, 2025). Available at http://dx.doi.org/10.2139/ssrn.5920643


Mitgewirkt an diesem Beitrag hat auch Joachim Griesbaum.

 
 
 

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